Die Oberhessische Presse hat Nadine Bernshausen, Spitzenkandidatin der Grünen, zum Interview gebeten. Was dabei herausgekommen ist, liest sich auf den ersten Blick wie ein solides Wahlkampfgespräch: Solarstrom, Kita-Qualität, Vereinsförderung, Haushaltsdisziplin.

Doch es gibt zwei auffällige Leerstellen – und die betreffen ausgerechnet die beiden Themen, die über Marburgs Zukunft entscheiden werden: Mobilität und den Pharmastandort.

MoVe 35 ist tot. Lang lebe … das autonome Fahren?

OP-Chefreporter Björn Wisker fragt nach der grünen Verkehrsvision – ausdrücklich „ohne die MoVe-35-Autovorhaben". Bernshausens Antwort: „Lebenswerte Stadt", „weniger Lärm", „weg vom ideologischen Grabenkampf Auto gegen Rad". Die einzige halbwegs konkrete Zukunftsvision: autonomes Fahren, das die Stadtwerke „bei unseren Zukunftsplanungen mit einbeziehen". Der flexible Nahverkehr soll dann „in den nächsten zehn Jahren" kommen.

MoVe 35 ist immerhin ein konkreter Plan mit konkreten Maßnahmen – einer, über den man streiten konnte.

Und was kommt jetzt? Ein Verweis auf eine Technologie, über deren kommunale Umsetzung ein Stadtparlament oder ein Magistrat nicht entscheiden. Autonomes Fahren hängt an Bundesgesetzgebung, an Zulassungsrecht, an der Entwicklungsgeschwindigkeit von Technologiekonzernen. Es ist keine kommunalpolitische Vision – es ist eine Ausflucht.

Was genau haben die Grünen aus dem gescheiterten Bürgerentscheid gelernt? Welche konkreten Verkehrsprojekte stehen für die nächsten fünf Jahre auf der Agenda, die nicht von externen Technologieentwicklungen abhängen? Und wie ehrlich ist das Bekenntnis, den „Grabenkampf Auto gegen Rad" beenden zu wollen, wenn gleichzeitig keine einzige konkrete Maßnahme für den Autoverkehr benannt wird?

80 Prozent Gewerbesteuer und kein Wort zur Strategie?

Noch auffälliger ist die Leerstelle beim Pharmastandort. Zur Erinnerung: Rund 80 Prozent der Marburger Gewerbesteuereinnahmen kommen aus der Pharmaindustrie. Ohne diese Einnahmen hat Marburgs Haushalt ein echtes Problem.

Bernshausen erwähnt die "Behringwerke" genau einmal – als Beispiel dafür, dass sie „den Ausbau der Erneuerbaren energisch vorantreiben".

Nun könnte man einwenden, das Interview habe eben andere Schwerpunkte gesetzt – und eine Kandidatin kann nur auf die Fragen antworten, die gestellt werden. Aber Wisker hat die Frage nach der „Unterstützung der Versiegelung am Hasenkopf" direkt gestellt. Das war die Einladung: Hier hätte Bernshausen erklären können, wie die Grünen zur Flächenerweiterung am Pharmastandort stehen – ob sie Wachstum grundsätzlich unterstützen, unter welchen Bedingungen, und wie sie den Zielkonflikt zwischen Naturschutz und wirtschaftlicher Zukunftsfähigkeit auflösen wollen. Sie hat die Einladung nicht angenommen.

Wer als Spitzenkandidatin bei diesem Thema in einem Wahlkampfinterview keinen einzigen eigenständigen Satz platziert, der signalisiert entweder, dass das Thema "Pharmastandort" keine Priorität hat, oder dass es keine Antwort gibt, die politisch bequem ist.

Konkret bei Kitas, vage bei Kernfragen

Bei den Themen Kinderbetreuung, Bildungsinvestitionen, Vereinsförderung ist Bernshausen konkret und leidenschaftlich. „Wer bei den Kleinsten spart, sägt an unserer Zukunft. Punkt." Aber bei den beiden Aspekten, die Marburgs Zukunftsfähigkeit am stärksten bestimmen, bleibt sie auffällig vage.

Eine Spitzenkandidatin muss erklären können, wie die Stadt ihren wichtigsten Wirtschaftszweig sichert und gleichzeitig eine Verkehrsinfrastruktur entwickelt, die funktioniert. Punkt.