Alle sieben Jahre stellt Biedenkopf dieselbe Frage — ohne es zu wollen. Der Grenzgang, eines der ältesten Volksfeste Hessens, rückt mit seiner Zentralfigur in eine Debatte, die sich seit Jahren im Kreis dreht: Ist der Mohr rassistisch?
Das Problem ist: Kaum jemand schaut in die alten Originaldokumente. Aber wer es mit dem Thema ernst meint, muss genau dort anfangen, wo die ersten Aufzeichnungen beginnen.
Was die älteste Quelle sagt
Wilhelm Mauß beschrieb den Grenzgang 1907 in einer Schrift, die bis heute die detaillierteste Darstellung des Festes liefert. Zur Herkunft des Mohren schreibt er schlicht: „Die Entstehungsgeschichte desselben ist ebenso dunkel wie er selbst."
Die Erklärung, die Mauß überliefert, lautet: Die Biedenkopfer schickten bei der Grenzbegehung einen als Mohr verkleideten Mann voraus, um Beobachter der Nachbargemeinden zu vertreiben. Die Landleute, so Mauß, hätten „in ihrem Leben noch keinen Schwarzen gesehen" und den Verkleideten „in ihrer Herzenseinfalt für den leibhaftigen Teufel gehalten". Mauß selbst kommentiert: „Kostbar ist das Geschichtchen jedenfalls, und wenn es nicht wahr ist, so ist es doch gut erfunden."
Eine rassistische Absicht lässt sich daraus nicht ansatzweise ableiten. Es ist eine List - und ihr Funktionsprinzip ist einfach: Das Unbekannte erschreckt. Dieser Mechanismus funktioniert immer und in jede Richtung. Historische Berichte aus Afrika und Japan belegen ähnliche Reaktionen beim ersten Anblick europäischer Besucher.
Warum der Teufel schwarz ist
Die entscheidende Folgefrage lautet: Warum überhaupt Schwarz? Die Antwort liegt nicht in der Begegnung mit dunkelhäutigen Menschen, sondern in der christlichen Theologie. Der Teufel wird seit dem Frühmittelalter schwarz dargestellt, weil sein Fall als Sturz aus dem Licht in die Finsternis begriffen wurde. Schon im 4. Jahrhundert beschrieb der Bischof Marcellus von Apamea den Teufel als „einem Mohren gleich an Farbe" — eine Bildsprache, die offenkundig älter ist als jeder europäische Kontakt mit Teilen Afrikas südlich der Sahara. Schwarz stand damals nicht für fremde Menschen, sondern einfach für die Dunkelheit.
Und es gibt noch eine zweite, ganz andere Tradition: In der deutschen Kultur ist Schwarz auch das Zeichen des Glücks. Der Schornsteinfeger ist das bekannteste Beispiel — wer ihm begegnet, darf sich etwas wünschen, wer ihn berührt, nimmt das Glück mit. Schwarz als Segen, nicht als Bedrohung. Diese Tradition ist älter als die heutige Rassismusdebatte und hat mit Hautfarbe nichts zu tun.
Die schwarze Farbe des Biedenkopfer Mohren lässt sich also aus zwei voneinander unabhängigen Traditionen herleiten — einer theologischen und einer kulturellen. Eine rassistische Sichtweise zählt nicht dazu.
Als Biedenkopfer gesprochen
Ich bin in Biedenkopf aufgewachsen und Mitglied der Männergesellschaft Hain-Strasse — einer jener Vereinigungen, die den Grenzgang seit Generationen tragen. Ich kenne den Mohr nicht aus der Zeitung, sondern aus eigener Anschauung.
Was ich erlebt habe, lässt sich nicht in eine Rassismusdebatte pressen: Menschen jeden Alters, Einheimische wie Gäste, drängen sich zum Mohr — nicht aus Pflicht, sondern aus echter Freude. Sich die Backe schwärzen zu lassen ist kein Akt der Erniedrigung, sondern drückt Freude und Zuneigung aus. Wer den schwarzen Abdruck den ganzen Tag stolz trägt, trägt ein Zeichen des Glücks — nicht anders als jemand, der einem Schornsteinfeger begegnet ist.
Das ist keine Interpretation aus der Ferne, ohne jemals bei dem Fest dabei gewesen zu sein. Das ist das, was ich gesehen habe.
Earl Kolbe, der 1991 als erster schwarzer Mann den Mohr verkörperte, sagte es so: „Der Mohr ist eine positive Figur. Der Mohr ist einfach was, was jeder gern mal darstellen möchte." Er hat recht — und er weiß, wovon er spricht.
Die Verblüffung, die viele Biedenkopfer befällt, wenn sie hören, was von außen in ihre Tradition hineingelesen wird, ist keine Sturheit. Es ist das echte Unverständnis von Menschen, die nicht begreifen können, wie dasselbe Bild so grundverschieden wahrgenommen werden kann.
Was fehlt — und was der HR nicht leistet
Die Debatte wird seit Jahren geführt, ohne dass die Grundfrage historisch beantwortet wäre: Seit wann genau wird der Mohr schwarz angemalt, und was war die ursprüngliche Intention? Mauß wusste es 1907 nicht. Wir wissen es heute nicht besser.
Und der Ursprung scheint ohnehin keine Rolle zu spielen: Wenn ein Begriff oder eine Sache heute rassistisch verstanden werden will, dann ist sie es auch. Punkt. Dabei wäre es die eigentliche intellektuelle Leistung der Debatte, genau diese Spannung auszuhalten.
Der Hessische Rundfunk hat das Thema mit einem Beitrag erneut aufgegriffen — und dabei eine Theorie in die Welt gesetzt, die den Mohr mit schwarzen Hausdienern an deutschen Adelshöfen verknüpft. Belege: keine. Quelle: keine. Statt historisch zu recherchieren, hat der HR lieber entschieden, Bilder des Mohren grundsätzlich nicht zu zeigen - eine redaktionelle Haltung, die Stellung bezieht, ohne Erkenntnis zu liefern.
Der Mohr von Biedenkopf verdient eine bessere Debatte als die, die bisher geführt wird.