Die CDU hat die Koalitionsverhandlungen abgebrochen. SPD und Grüne treiben ein Linksbündnis voran – mit dem erklärten Ziel eines „links-progressiven Bündnisses". Marburg hat ein strukturelles Haushaltsdefizit von 40 bis 44 Millionen Euro pro Jahr. Oberbürgermeister Thomas Spies spricht von der „größten Finanzkrise der Nachkriegszeit".

Diese vier Sätze nebeneinander sagen alles.

Man weiß es – und handelt trotzdem so

Was gerade in Marburg passiert, ist kein taktischer Fehler. Es ist ein Denkmuster.

Im Dezember 2025 hielt Steffen Rink, damals SPD-Fraktionsvorsitzender, eine Haushaltsrede, die die Lage klar beschrieb: strukturelles Defizit, Stellenabbau, Aufgabenkritik, die Notwendigkeit zu handeln. Rink wusste, was auf dem Spiel steht. Er dankte in dieser Rede ausdrücklich Jens Seipp von der CDU – namentlich, persönlich, öffentlich.

Wenige Monate später beschloss der SPD-Vorstand, eine Kooperation mit der CDU kategorisch abzulehnen. Nicht weil die CDU unzumutbare Bedingungen gestellt hätte. Sondern weil sie die CDU ist.

Die SPD kennt die Haushaltslage. Sie hat sie mitgestaltet, mitbeschlossen, mitverantwortet. Und sie entscheidet trotzdem nach Zugehörigkeit statt nach Problemlösungsfähigkeit.

Kompromisslos – nach einer historischen Niederlage

Neuer SPD-Fraktionsvorsitzender ist Liban Farah. Sein erstes öffentliches Signal nach dem historisch schlechten Wahlergebnis der SPD im Februar 2025: „Wir müssen in den Themen kompromisslos bleiben, vor allem darf es keine Sozialkürzungen geben." Keine Reflexion, keine Kurskorrektur. Die Botschaft war: Wir haben nicht falsch gelegen. Das Publikum hat uns nicht verstanden.

Die SPD ist von der ehemals stärksten Kraft auf 10 Sitze abgestürzt – ein historisch schlechtes Ergebnis. Die Konsequenz wäre eine inhaltliche Kurskorrektur. Die tatsächliche Reaktion: ein Vorstandsbeschluss gegen die CDU, die Suche nach neuen linken Mehrheiten – und der trotzige Satz von SPD-Parteichef Thorsten Büchner, man weise „die Unterstellung entschieden zurück", die Ernsthaftigkeit der finanziellen Lage nicht erkannt zu haben.

Niemand hat das unterstellt. Zumal es ohnehin nicht um die Frage geht, ob die SPD die Lage kennt. Die Frage ist, warum sie trotzdem so handelt.

Das „links-progressive Bündnis" und seine Ziele

Grünen-Parteichefin Annika Münzer hat inzwischen klargestellt, dass man der CDU den Weg zu einem „links-progressiven Bündnis" in den Wochen der Gespräche „stets transparent gemacht" habe. Die Grünen haben also nie ernsthaft mit der CDU verhandelt. Sie haben Zeit gespielt – und dabei das Sonderstatus-Zeitfenster für eine mögliche Abwahl von Bürgermeisterin Bernshausen und Stadtrat Kopatz verstreichen lassen.

Die Linke formuliert ihr Koalitionsziel als „sozialökologischen Aufbruch". Volt sieht sich für ein „progressives Bündnis bereit". Das geplante Bündnis hat inzwischen einen Namen: BUNT – Grüne, SPD, Die Linke, Volt und Klimaliste.

„BUNT" als politisches Branding, als fröhlicher Gegenentwurf zum Bürgerlichen.

Eine Koalition, die sich bunt nennt, während ihr eigener Oberbürgermeister von der „größten Finanzkrise der Nachkriegszeit" spricht – der Kontrast könnte nicht größer sein.

Warum dieses Bündnis inhaltlich keine tragfähige Antwort auf die Haushaltskrise ist, habe ich bereits in meinem Beitrag Marburg braucht keine Koalition gegen die CDU ausgeführt.

Schweigen als politisches Programm

Wie tief dieses Denkmuster sitzt, hat die Abstimmung über die Abwahl von Baustadtrat Kopatz am 29. Mai gezeigt. SPD und Grüne hielten Kopatz mit ihren Stimmen im Amt – aber schwiegen während der gesamten Aussprache.

Kein Wort zur Person, kein Wort zur Sache. Die Verteidigung überließen sie Jan Schalauske von den Linken.

Das ist politische Feigheit: Man trifft eine Entscheidung, steht aber nicht dazu. Man erzeugt ein Ergebnis, übernimmt aber keine Verantwortung.

Schalauske formulierte dabei unfreiwillig das Zitat des Abends: Die linke Mehrheit habe „bislang leider nie ihre ganze Wirkung entfalten" können. Das ist fast wortgleich mit dem Linke-Koalitionsziel des „sozialökologischen Aufbruchs" – und bestätigt: Hier geht es nicht um Haushaltslösung, sondern um ideologische Selbstverwirklichung.

Die Konsequenz ist absehbar: Kommt die BUNT-Koalition zustande, könnte Kopatz 2028 sogar wiedergewählt werden – für einen Baudezernenten ohne politische Basis, dessen Partei ganze 2,28 Prozent erreicht hat.

Was auf dem Spiel steht

Ohne beschlossenen Haushalt führt der Kämmerer die Stadt in vorläufiger Haushaltsführung. Keine Gestaltung, nur noch gesetzlich vorgeschriebene Ausgaben. Im schlimmsten Fall übernimmt das Regierungspräsidium Gießen die Kontrolle. Das ist kein theoretisches Szenario – es ist die logische Konsequenz eines Prozesses, der Parteipolitik über Stadtinteressen stellt.

Als Unternehmer und Bürger dieser Stadt mache ich mir Sorgen – nicht weil die Probleme unlösbar wären, sondern weil diejenigen, die sie lösen müssten, gerade mit sich und ihren Machtinteressen beschäftigt sind. Marburg hat eine solide wirtschaftliche Basis, engagierte Menschen und trotz allem noch Handlungsspielraum. Aber dieser Spielraum schwindet – mit jedem Monat, der mit Sondierungen, Taktik und ideologischer Selbstvergewisserung verbracht wird, statt mit konkreten Entscheidungen.

Was mich dabei am meisten beunruhigt: Offensichtlich ist Parteizugehörigkeit wichtiger als Stadtverantwortung.. Das ist keine politische Schwäche – das ist eine Haltung.

Wer das Ergebnis dieser Haltung am Ende trägt: die Bürgerinnen und Bürger, die Unternehmen, die Vereine – alle, die auf eine funktionierende Stadt angewiesen sind. Nicht die Parteien, die gerade Selbstverwirklichung entfalten.