Marburg hat Anfang 2023 die Ansiedlung eines internationalen Pharmakonzerns verloren. Nicht wegen schlechter Infrastruktur, nicht wegen fehlender Fachkräfte, nicht wegen zu hoher Steuern. Sondern weil die Stadt schlicht keine Flächen anbieten konnte. Ein Blick auf die Hintergründe – und die Frage, warum das so kommen musste.
Der Pharmastandort Behringwerke ist das wirtschaftliche Rückgrat der Stadt. CSL Behring, GSK, BioNTech, Siemens Healthineers – rund 7.200 Beschäftigte arbeiten auf dem Gelände. In den Jahren 2015 bis 2018 stammten durchschnittlich 90 Millionen Euro bzw. rund 80 Prozent der gesamten Gewerbesteuereinnahmen der Stadt vom Standort. 2021, auf dem Höhepunkt der BioNTech-Produktion, waren es fast eine halbe Milliarde.
Man sollte meinen, dass eine Stadt, deren Haushalt so massiv von einem einzigen Wirtschaftsstandort abhängt, alles dafür tut, diesen Standort zu pflegen und Wachstum zu ermöglichen. Oder?
Der Knackpunkt
Schauen wir mal in die Beschlussvorlage des Magistrats VO/1791/2024. Da steht – wörtlich:
„Anfang 2023 stand die Universitätsstadt Marburg im Fokus als potentieller Standort eines international tätigen Pharmakonzerns – trotz insgesamt sehr guter Standortbedingungen ging der Zuschlag letztendlich nach Süddeutschland. Entscheidendes Kriterium war, dass Marburg nicht über die initial gewünschten Entwicklungsflächen verfügte."
Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Ein Pharmakonzern klopft an, die Standortbedingungen sind „insgesamt sehr gut" – und Marburg muss passen. Weil es keine Flächen gibt.
Und es kommt noch besser:
„Damit bestand insbesondere nicht die seitens der Stadt Marburg angestrebte Möglichkeit, die Ansiedlung in konkreten Ansiedlungsverhandlungen auf kleinere, insbesondere interkommunale Flächen zu lenken."
Die Stadt konnte also nicht einmal in Verhandlungen eintreten. Nicht „wir haben verhandelt und verloren". Sondern: Wir konnten gar nicht erst mitspielen.
Wie konnte das passieren?
Die Fläche Görzhausen III – 18 Hektar, die letzte größere Erweiterungsfläche – hatte sich BioNTech per Kaufoption gesichert. Und zwar komplett. 180.000 Quadratmeter für ein einziges Unternehmen. Ein Bebauungsplan für diese Fläche wurde erst Ende 2021 auf den Weg gebracht. Der „Masterplan Standort Behring" wurde von der Stadtverordnetenversammlung im Juni 2020 verabschiedet.
Der Pharmastandort wächst seit Jahrzehnten. GSK kam 2015 hinzu. CSL Behring expandierte kontinuierlich. Und die strategische Gesamtplanung für den wichtigsten Wirtschaftsstandort der Stadt kommt 2020?
Zur Einordnung: In der Pharmaindustrie rechnet man mit Planungs- und Genehmigungsvorlaufzeiten von fünf bis zehn Jahren. Wer 2020 anfängt zu planen, hat frühestens 2025 Flächen. Wenn alles glatt läuft.
Die Flucht nach vorn
Was folgte, war hektische Betriebsamkeit: Im Juni 2023 beauftragte die Stadtverordnetenversammlung den Magistrat, die Möglichkeiten einer Flächenerweiterung über Görzhausen III hinaus zu prüfen. Wohlgemerkt: Man war noch nicht einmal fertig mit Görzhausen III – und musste schon über Görzhausen IV nachdenken.
Auf einer Informationsveranstaltung im März 2024 erklärte OB Spies den Bürgern in Michelbach und Dagobertshausen die Lage: Wenn die Stadt jetzt keine Fläche beim Regierungspräsidium anmeldet, wären Erweiterungen für die nächsten 10 bis 15 Jahre kaum noch möglich. Ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom September 2023 hatte die bisherigen Abweichungsverfahren von der Regionalplanung deutlich erschwert.
Zeitdruck also. Nicht weil man so weitsichtig geplant hätte, sondern weil man in eine Situation hineingeraten war, in der Nicht-Handeln irreparablen Schaden angerichtet hätte.
Schwierige Topographie?
Natürlich wird das Argument der schwierigen Topographie ins Feld geführt. Marburg liegt im Lahntal, die Hänge sind steil, die Flächen begrenzt. Das ist unbestritten. Aber: Diese Topographie ist nicht über Nacht entstanden. Sie war auch schon 2015 bekannt, als GSK nach Marburg kam. Und 2019, als CSL Behring den Spatenstich für den R&D Campus setzte. Und in all den Jahren davor, in denen die Gewerbesteuer sprudelte.
Schwierige Topographie ist kein Argument für verspätete Planung. Im Gegenteil: Gerade weil die Flächen knapp sind, hätte man früher und strategischer planen müssen.
Die Ironie der Geschichte
Die vielleicht bitterste Pointe: Während die Stadt fieberhaft neue Flächen sichert, dreht sich die Lage am Standort. BioNTech baut die Hälfte seiner Stellen ab. CSL Behring schließt das erst 2022 fertiggestellte Forschungszentrum und streicht 500 Arbeitsplätze. Bei GSK zeichnet sich ebenfalls Stellenabbau ab. Insgesamt drohen rund 1.500 Menschen am Standort ihren Job zu verlieren.
Die Fläche Görzhausen III, für die BioNTech eine Kaufoption hatte? Fraglich, ob sie in absehbarer Zeit gebraucht wird. Die 24 Hektar große Nachmeldung für Görzhausen IV Richtung Dagobertshausen? Angesichts des Stellenabbaus wirkt die Dringlichkeit, mit der sie vorangetrieben wurde, plötzlich anders.
Was bleibt
Man kann dem Magistrat und OB Spies nicht vorwerfen, dass BioNTech weniger Corona-Impfstoff verkauft oder CSL Behring global umstrukturiert. Aber man kann ihnen vorwerfen, dass sie über Jahre die strategische Flächenvorsorge für den mit Abstand wichtigsten Wirtschaftsstandort der Stadt vernachlässigt haben.
Eine Stadt, die 80 Prozent ihrer Gewerbesteuer von einem Standort bezieht, muss für diesen Standort jederzeit handlungsfähig sein. Marburg war es 2023 nicht. Ein Pharmakonzern ist nach Süddeutschland gegangen. Wie viele Arbeitsplätze, wie viel Gewerbesteuer, wie viel Zukunft damit verloren gingen, wird man nie erfahren.
„Schreiben fokussiert das Denken", hat mein alter Deutschlehrer immer gesagt. Beim Schreiben dieses Beitrags hat sich bei mir vor allem eines fokussiert: Das Gefühl, dass in Marburg zu oft erst dann gehandelt wird, wenn es eigentlich schon zu spät ist.