Die Linke Marburg-Biedenkopf hat auf ihrem Kreisparteitag Anfang Juni einen Dringlichkeitsantrag beschlossen: Solidarität mit den rund 1.500 Beschäftigten der "Behringwerke", deren Arbeitsplätze bei BioNTech, CSL Behring und Nexelis in Marburg auf dem Spiel stehen. Eine verständliche Reaktion. Die Frage ist, was die Beschäftigten davon haben.
Die ehrliche Antwort: nichts Konkretes. Eine Resolution ist ein Sprechakt. Sie ändert keinen einzigen Parameter in der Standortentscheidung eines multinationalen Konzerns.
Das wäre noch kein Vorwurf, wenn die Partei wenigstens kommunalpolitisch handlungsfähig wäre. Aber genau da liegt das Problem: Die Instrumente, welche Die Linke fordert – Übergewinnabschöpfung und ein gesetzliches Verbot von Massenentlassungen bei profitablen Unternehmen – liegen nicht auf kommunaler Ebene. Das ist Bundespolitik und da können Marburger Stadtverordnete nichts entscheiden.
Was die Stadt tatsächlich beeinflussen kann, ist überschaubar: Gewerbesteuer, Flächenpolitik, Ansiedlungsbedingungen. Und genau hier will Die Linke den Standort verteuern – mit einer Anhebung des Gewerbesteuersatzes mindestens auf Bundesdurchschnitt.
Das geschieht nicht im luftleeren Raum. Anfang Juni wurden gleich zwei weitere Hiobsbotschaften für den Pharmastandort Deutschland bekannt: Eli Lilly kürzt seine geplante Milliarden-Investition in den neuen Produktionsstandort in Alzey um 50 Prozent. Boehringer Ingelheim stoppt geplante Ausgaben für deutsche Standorte in Höhe von 900 Millionen Euro.
Der Lilly-Chef nannte die geplante Gesundheitsreform im Handelsblatt ein „schreckliches Signal" und warnte, Deutschland werde bei der Unterstützung der Pharmaindustrie auf den letzten Platz der europäischen Märkte fallen. Roche-CEO Daniel Steiners fasste die Lage präzise zusammen: Investitionen bräuchten Verlässlichkeit, Planungssicherheit und wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen – an allen drei Punkten fehle es derzeit in Deutschland.
In diesem Kontext fordert Die Linke höhere Steuern für Unternehmen, die am Standort investieren sollen.
Die Resolution enthält dabei einen bemerkenswerten Gedankengang: BioNTech investiere gegenwärtig in Mainz, obwohl dort die Gewerbesteuer höher als in Marburg sei – als Beleg dafür, dass niedrige Gewerbesteuer Unternehmen ohnehin nicht binde. Das ist eine Fehleinschätzung. BioNTech hat seinen Hauptsitz in Mainz. Natürlich investiert das Unternehmen dort. Aus dieser Selbstverständlichkeit eine allgemeine Standortthese abzuleiten, ist nicht haltbar.
Es ist nicht das einzige sachliche Problem der Resolution. Die Linke spricht von den „Behringwerken" – ein Name, der als Unternehmensbezeichnung nicht mehr trägt. BioNTech, CSL Behring und Nexelis sind drei rechtlich und wirtschaftlich eigenständige Unternehmen mit unterschiedlicher Geschichte und unterschiedlichen Entscheidungen. Wer sie unter einem historischen Sammelbegriff zusammenfasst, vereinfacht nicht – das ist schlichtweg falsch.
"Wenig Eindruck hat das devote Verhalten des Marburger Magistrats auf die Pharmaunternehmen gemacht. Die sehr unterdurchschnittlichen Gewerbesteuersätze, mit denen sich außer der Linken alle Marburger Parteien einzuschleimen versuchten, sind bei den enormen Gewinnen der Branche kaum ins Gewicht gefallen."
Die Linke, 06.06.2026: Solidarität mit den Beschäftigten der Behringwerke!
Dahinter steckt eine Grundüberzeugung: Wer Gewinne erzielt, beutet aus. Unternehmerische Entscheidungen sind demnach keine wirtschaftlichen Kalkulationen unter Wettbewerbsbedingungen, sondern moralische Vergehen. Aus dieser Perspektive gibt es kein legitimes Instrument zur Standortbindung – nur Bestrafung.
Das Problem: Unternehmen lassen sich nicht bestrafen. Sie gehen.
Die Linke ist in Marburg als Partner einer SPD-geführten Koalition im Gespräch. Wer mitregieren will, muss sich an seinen Taten messen lassen, nicht an seinen Resolutionen. Für die 1.500 Beschäftigten der Behringwerke bedeutet eine Koalition mit einer Partei, deren wirtschaftspolitisches Programm aus Bestrafung und Symbolik besteht, keine Hoffnung – sondern ein weiteres Risiko für den Standort, um den es geht.